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Ein Tag der Typografie in Bern: «Schrift im Raum»
Ein Thema mit zahlreichen Aspekten
«Schrift im Raum» so das Thema des diesjährigen Tags der Typografie
hat viele Aspekte. Die Referentinnen und Referenten gingen an der
comedia-Veranstaltung vom 26. November das Thema von ganz
unterschiedlichen Standorten her an. Die über 300 Teilnehmerinnen und
Teilnehmer kamen dabei auf ihre Rechnung. Die 12. Ausgabe dieser
renommierten comedia-Veranstaltung steht ihren erfolgreichen
Vorgängerinnen nicht nach.
Agnès Laube/Othmar Schäublin: Spationierung < > Space, Schriftschichten im öffentlichen Raum
Klaus Detjen: Die Sprache, die schreitet so tönend
Veruschka Götz: Typografische Anarchie im virtuellen Raum
Gerard Unger: Leitsystem für Rom und die Entwicklung einer passenden Schrift
Claudius Lazzeroni: Sinnlichkeit der neuen Medien
Schrift im öffentlichen Raum: Wahrnehmungen unterschiedlich
Mit einer gekonnten Präsentation stimmten Agnès Laube, Inhaberin eines
Salons für Konstruktionen von Wirklichkeit, und der Architekt Othmar
Schäublin ins Tagungsthema ein, wobei sie den dreidimensionalen,
urbanen Raum im Auge hatten. Sie stellten ein städtebauliches Credo an
den Anfang, wonach es falsch sei, eine Stadt beherrschen zu wollen. Sie
zu unterstützen sei alles, was man für sie tun könne. Gilt das auch für die
Beschilderung und Beschriftung, die in unserer von Informationsfülle und
Wettbewerb geprägten Gesellschaft immer mehr das Bild unserer
Siedlungen zumal der städtischen prägt? Diese Frage könnte etwa
dort eine Rolle spielen, wo die verschiedenen Interessen
aufeinanderprallen, das Interesse der Auftraggeber einerseits, die in der
Öffentlichkeit mit Schrift etwas mitteilen möchten, und das Interesse der
Öffentlichkeit anderseits, die mit Bewilligungsverfahren bestrebt ist,
reglementierend einzuwirken.
 Schrift im öffentlichen Raum keine Frage der Ästhetik
Aber auch zwischen Bauherrschaft und
Architekt gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen. Für Architekten stellen
Wünsche nach Beschriftung an ihrem Bau meist Störfaktoren dar. Wie sehr
wir aber auf die Beschriftung im öffentlichen Raum angewiesen sind, zeigt
sich an unserer Hilflosigkeit, wenn wir uns in Kulturräumen aufhalten, in
deren Siedlungen andere, uns nicht bekannte Informationscodes benutzt
werden. So bleibe uns nichts anderes übrig, als mit der Beschriftung im
öffentlichen Raum zu leben und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Und
eines müsse man sich bei Schrift im öffentlichen Raum im Klaren sein: ob
etwas als schön empfunden wird, hat hier keinen Zusammenhang mit
Ästhetik.
Ungewöhnliche und zukunftweisende Buchgestaltung
Seit den Anfängen der Typografie ist bei der Buchgestaltung der starre
Satzspiegel die Norm. Diese Fessel der «Gutenberg-Galaxis» zu
sprengen, hat sich der Buchgestalter und Kieler Hochschullehrer Klaus
Detjen aufgemacht. Schrift und Typografie sollen damit wieder eins werden
mit der Sprache, deren Rhythmus und Bewegung Ausdruck geben. Detjen
knüpft dabei an einem Experiment des Franzosen Mallarmé an, der Ende
des 19. Jahrhunderts mit seinem Werk «Coup des dés» durch die
Verwendung von Weissräumen und seitenspringenden Typen mit der
Linearität gebrochen hatte und der Typografie so eine poetische Struktur
gab und so schrittmachend für die experimentelle Typografie des
20. Jahrhunderts war.
 Eine Doppelseite aus Jelinek, «Wolken.Heim»
Mit seiner Typographischen Bibliothek im Steidl-Verlag will Detjen dem
Medium Schrift und Typografie ein neues, wirkungsvolles Forum bieten,
um Buchliebhaber und Literaturinteressierte für ungewöhnliche und
zukunftweisende Gestaltungsformen einzunehmen. 3 Werke dieses
Anspruchs sind bisher entstanden. Neben einer Neuumsetzung von
Mallarmés «Coup des dés» ist Elfriede Jelineks «Wolken.Heim» im Steidl
Verlag erschienen. Diesem Buch liegt eine CD-ROM mit der durch die
Schauspielerin Barbara Nüsse gelesenen Fassung bei. Zusammen mit der
Typografie ergibt sich so eine intensive audio-visuelle Verstärkung des
geschriebenen Wortes.
Mit Michel Leiris' «Alphabet» hat Detjen ein weiteres Werk in lautmalende
Typografie umgesetzt. Die Zerstückelung der Gedanken findet sich in
wechselnden Einzügen wieder. 3 zarte Hintergrundfarbtöne, die in immer
wechselnden Kombinationen durch das Buch begleiten, haben wiederum
einen Bezug zum Inhalt. Ein weiteres Detail der sorgfältigen
Buchgestaltung: Schriftpägung macht den Umschlag tastbar. Und nur
konsequent ist, wenn Detjen auch durch das Weglassen des Schmutztitels
mit Jahrhunderte alten Konventionen bricht und den Leser und die Leserin
über die spiegelverkehrt zur Prägung bedruckte Umschlaginnenseite direkt
zum Inhalt führt.
Schrift- und andere Anarchie im virtuellen Raum
Der Anarchie im Internet, die im Unterschied zum stigmatisierten
politischen Anarchiebegriff in der Öffentlichkeit im allgemeinen eher auf
Wohlwollen stösst, kann die Berliner Designerin Veruschka Götz nicht nur
Positives abgewinnen. Die Anhäufung von belanglosen Informationen lässt
die Freiheit in Unfreiheit umschlagen; dem Informationsempänger wird es
immer schwerer gemacht, sich in den uneinheitlichen Codes
zurechtzufinden.
Götz plädierte daher für eine neue Gestaltungsdidaktik, die auf einer
sinnvollen Kommunikation zwischen Informationssender und -empänger
basiert. Dazu gehören sowohl eine webgerechte, redundante Textredaktion
als auch Navigationsmittel, die dem Benutzer und der Benutzerin
ermöglichen, sich im Informations- und Datenraum zu bewegen, ohne die
Orientierung zu verlieren.
Vieles erinnere sie im Webdesign an die Anfänge des Automobilbaus,
erklärte die Referentin. Die motorgetriebenen Fahrzeuge benötigten zwar
keine vorgespannten Pferde mehr, waren aber noch wie Kutschen gebaut.
Im Webdesign sieht sie eine Analogie. Die Webgestalter haben sich zum
grossen Teil noch nicht vom Printmedium emanzipiert und wollen offenbar
nicht zur Kenntnis nehmen, dass Typografie und Farbverwendung am
Bildschirm anderen Gesetzen unterliegt als auf dem Papier. Obwohl dies
ergonomisch wie ökonomisch unsinnig ist, werden Webseiten
überwiegend mit weissem Hintergrund versehen. Benutzerfreundlicher ist
jedoch ein dunkler Hintergrund mit heller, jedoch nicht überstrahlender
Schrift. Als Webdesignerin und Webdesigner gelte es, die Schwächen des
Comupters zu berücksichtigen und seine Stärken zu nutzen.
Eine passende Schrift für Roms Schilder zum Heiligen Jahr
Äusserst kurzweilig war es, den Schilderungen des niederländischen
Schriftkünstlers und Lehrstuhlinhabers Gerard Unger zu folgen, welcher der Stadt
Rom für das Heilige Jahr ein neues Leitsystem und eine passende Schrift
zu entwickeln hatte. Dies in einer Stadt mit einer 2000jährigen Tradition
öffentlicher Beschriftungen und an der Geburtsstätte epochemachender
Schriften realisieren zu dürfen, und dazu noch in äusserst kürzester
Zeit, betrachtete er als grosse Herausforderung.
 Ungers Capitolium in der Schilderversion. Aus Gründen der Leserlichkeit und der Platzökonomie wurde die Variante mit Gemeinen ausgeführt
Unger trachtete danach, an der römischen Schrifttradition anzuknüpfen,
aber sich nicht auf ein einfaches Revival zu beschränken. Er liess sich
schliesslich von der um 1570 von Cresci entworfenen Lettera antica tonda
inspirieren. Daraus ist mit der Capitolium nach mehrmaliger Überarbeitung
eine Schrift entstanden, die unterdessen ihre praktische Bewährungsprobe
bestanden hat. Eine Schrift mit einem klassisch-vornehmen Ausdruck, die
mit ihren kurzen Ober- und Unterlängen jedoch sehr modern wirkt. Eine
zuerst in Erwägung gezogene serifenlose Variante hatte nicht die Gnade
der Auftraggeber gefunden. Obwohl: Unger hätte auch in diesem Falle auf
eine altrömische Tradition verweisen können, an einem Tempel hatte er
eine serifenlose, konstruktivistische Inschrift aus vorkaiserlicher Zeit
ausgemacht.
Unger musste von Anfang an darauf achten, dass die Schrift sowohl auf
Offsetpapier wie auf Papier schlechterer Qualität, mit Laserdruck wie mit
Inkjet optimal einsetzbar ist. Für dieses Einsatzgebiet stehen vier Schnitte
der Familie (light, regular, regular italic, bold) zur Verfügung.
Die Sinnlichkeit der neuen Medien bleibt noch zu entdecken
In den unbekannten Raum der «Sinnlichkeit der neuen Medien» liess
Claudius Lazzeroni, Professor für Interfacedsign an der Universität
GH Essen, die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer vorstossen.
Anhand von Umsetzungsexperimenten zeigte er, in welche Richtung
denkbare Entwicklungen gehen könnten. Bei den Beispielen wird vor
allem mit Klang und Farbe gespielt. Oder bei Userfehlern wird, statt dass trockene Dialogboxen
erscheinen, der Mauspfeil mit Kommentar an den Ausgangspunkt zurckspediert. Im
Prinzip stehe man noch ganz am Anfang, erklärte Lazzeroni. Noch ziemlich
im Unklaren sei man sich darüber, wie etwa Zeit spürbar gemacht oder der
Tastsinn mobilisiert werden kann. Aber die zunehmende Bedeutung der
Sensorik werde auch neue Möglichkeiten eröffnen. Bei der Suche nach der
Sinnlichkeit der neuen Medien gehe es nicht zuletzt um die Inszenierung
des Zwischenraums. Zwischenraum sei einerseits zwar auch Inhalt, habe
anderseits mit Grenzen zu tun. Damit müsse man lernen umzugehen. Eine
grosse Rolle werde die Synchronizität und die Verknüpfung verschiedener
Medien spielen. «In Zukunft wird es mehr Regisseure als Designer
brauchen», schätzt Lazzeroni. Parallelität und Dramaturgie würden im
Mediendesign eine ganz neue Qualität erhalten. Er empfahl jedem
Medienschaffenden dringend, sich mit dem Thema «Sinnlichkeit der neuen
Medien» ernsthaft auseinander zu setzen. Dazu würde er sich mehr solche
Begegnungen wünschen, wie sie dieser Tag der Typografie ermöglicht
habe.
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